Cool bleiben

Was passiert im Körper eines MS-Erkrankten, wenn die sommerliche Hitze ihn schlapp und müde macht?
Nicht nur MS–Erkrankte, sondern auch Gesunde leiden zuweilen unter zu großer Hitze. Schlapp und müde zu sein ist auch für Gesunde normal, aber MS–Erkrankte trifft es unter Umständen hart. Nicht nur große Müdigkeit, sondern auch schwere Gliedmaßen bis hin zu Lähmungserscheinungen plagen MSler im Sommer nicht selten.

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, in verständlicher Weise zu erklären, was genau im Körper eines MS-Kranken passiert, wenn die Sonne uns einheizt.

Dazu wird es nützlich sein, sich an den Biologieunterricht zu erinnern, oder ersatzweise vorher die Kapitel in der Rubrik Verstehen hier auf dieser Website zu lesen.

Das, was die Nerven bei Hitze schlapp macht, nennen wir im Folgenden Fatigue der Nervenfasern. Warum wir das tun, wird beim Lesen klar werden. Am Ende werden einige Tipps zu finden sein, wie man trotz großer Hitze einigermaßen fit bleiben kann, und dann wird auch klar sein, warum diese Maßnahmen wirklich helfen können.

Fatigue der Nervenfasern bei Multipler Sklerose

Vorweg muss gesagt werden, dass man sich darüber bewusst sein muss, dass unterschiedliche Ursachen für Fatigue vorliegen können und unterschiedliche Formen von „Fatigue“ vorliegen können. Oft bestehen mehrere Gründe und Formen gleichzeitig.

Fatigue der Nervenfasern ist ein abgegrenztes Phänomen, das normalerweise nicht als Fatigue bezeichnet wird und das selten in der Diskussion über Fatigue auftaucht. Dennoch ist es ein ganz zentrales Phänomen, das die Körperfunktionen beeinflusst und ausschlaggebend zur klinischen Behinderung bei der MS beiträgt.

Die Fatigue der Nervenfasern weist ganz eigene Charakteristika auf und unterliegt Schwankungen im Tagesverlauf — ganz ähnlich wie die allgemeine krankheitsbedingte Fatigue (starke Müdigkeit). Gewöhlich geht sie den ersten klinischen MS-Symptomen voraus — die meisten MSler kennen das Gefühl — und oft verschlimmert es sich im Verlauf der Krankheit. Wenn man jedoch konsequent vorbeugend dagegen arbeitet, kann die ganz schlimme Müdigkeit oft gelindert werden.

Fatigue der Nervenfasern wird durch körperliche Aktivität und / oder Temperatur beeinflusst. Dabei versagen die demyelinisierten Nervenfasern bei ihrer Aufgabe, Nervenimpulse (Aktionspotenziale) zu leiten. Die Reizleitung erfolgt entlang eines Axons, und zwar springt der Nervenimpuls, ein elektrischer Reiz, entlang der Außenhülle (Myelinscheide) und trifft dabei immer dort auf das Axon, an dem die so genannten Ranvier’schen Schnürringe liegen, die Myelinschicht also eingeschnürt ist.
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Abb. 1: Normale Reizleitung. Der Nervenimpuls springt außen an der Nervenfaser entlang und ist dadurch sehr schnell.

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Abb. 2: Beim demyelinisierten Axon kriecht der Impuls das Axon entlang, die Reizleitung ist verlangsamt.

Die wissenschaftliche Forschung befasst sich schon lange mit dem Thema Störungen bei der Reizleitung bei demyelinisierten Nervenfasern (Axonen), und es gibt zahlreiche Veröffentlichungen dazu. In einem MS-Plaque (Läsion; Herd) ist die Reizleitung verlangsamt, weil die Myelinschicht fehlt und so keine saltatorische Reizleitung mehr möglich ist. Die Myelinschicht mit den Schnürringen ist sozusagen der Beschleuniger der Reizleitung.

Es gibt aber noch weitere Faktoren, die die normale Reizleitung bei der MS stören: Eine besondere Rolle kommt hier der Schädigung der Natriumkanäle zu1, 2.
Natrium ist notwendig, damit ein elektrisches Potenzial aufgebaut und weitergeleitet werden kann. Am demyelinisierten Nerven fehlen vermehrt die Natriumkanäle 3, aus denen die Natrium-Ionen ausströmen.

Dem MS-Schub geht eine Entzündung in einem MS–Plaque voraus. Dabei geben die entzündeten Zellen vermehrt Enzyme (Eiweißstoffe, die eine chemische Reaktion auslösen können) ab. Darunter befindet sich auch Phospholipase, ein Enzym, das eine zentrale Rolle bei der Myelinzerstörung zu spielen scheint. Die Phospholipase zerstört außerdem spezifisch Natriumkanäle 1, 2.

Wenn die Entzündung abgeklungen ist, beginnt ein Reparaturmechanismus, so dass die normale Reizleitung oft wiederhergestellt wird. Leider trifft das nicht immer zu, vor allem, wenn ein Plaque schon mehrmals entzündet war. Dann ist die Rückbildung der Schäden und der daraus resultierenden Symptome nicht vollständig.

Zurück zu den Natriumkanälen

Natrium, oder besser: Natrium–Ionen sind elektrisch geladene Teilchen, die aus den Natriumkanälen ausströmen, wenn ein Reiz geleitet werden muss. Eine bestimmte Menge von Natrium–Ionen erzugt ein elektische Spannung an der Oberfläche des Axons, die normalerweise für eine normale Reizleitung ausreicht. Die Natriumkanäle sind in den Regionen an den Ranvier’schen Schnürringen konzentriert. Am gesunden Axon sind das relativ wenige Kanäle, die für die Reizleitung ausreichen.
Beim demyelinisierten Axon ist die Anzahl der Natriumkanäle höher als beim gesunden Axon.
Das liegt daran, dass das demyelinisierte Axon eine wesentlich höhere Spannung benötigt, um einen Reiz von A nach B leiten zu können. So kommt es, dass das demyelinisierte Axon zusätzliche Natriumkanäle ausbildet.

Eine Folge der vermehrt anwesenden Natrium–Ionen ist, dass die betroffenen Axone empfindlich gegen Temperatur, vor allem gegen höhere Temperaturen wird 4. Wenn ein Impuls ankommt, öffnen sich die Natriumkanäle und Natrium–Ionen strömen aus. Je wärmer es ist (je höher die Körpertemperatur ist), desto schneller schließen sich die Kanäle wieder. Damit wird die Zeit verringert, in der ein elektrischer Impuls entstehen und weitergeleitet werden kann.

Kühlen hat im Gegensatz dazu den Effekt, dass die Natriumkanäle länger geöffnet bleiben und mehr Ionen ausströmen können: der Impuls ist stärker und wird besser bzw. länger geleitet.

Studien an künstlich demyelinisierten Axonen haben gezeigt, dass schon eine Temperaturerhöhung von 0,5° Celsius über Normal eine Störung oder Unterbrechung der Reizleitung hervorrufen kann 4.

Die These lautet nun, dass diese Fatigue der Nervenfasern bei Multipler Sklerose für viele Probleme verantwortlich ist, die MS–Betroffene bei Hitze erfahren.
Wenn Fatigue der Nervenfasern auftritt und die Axone den Reiz nicht mehr oder nur noch langsamer als sonst leiten, dann bewegen sich die Beine einfach nicht mehr, bis die Axone ausreichend Ruhe und Kühlung hatten und ihre Arbeit wieder aufnehmen können 5.

Die Fatigue der Nervenfasern beeinträchtigt meist die körperlichen Aktivitäten und wird spürbar durch die Körpertemperatur beeinflusst. Eine kühle Umgebung kann vor allem bei körperlicher Betätigung nützlich sein.

Was passiert noch?
Man weiß auch, dass Schwitzen oder schweres Atmen — beides Mechanismen, um den Körper zu kühlen — bei MS-Betroffenen beeinträchtigt sein können. Selbst geringe Temperaturanstiege können MS–Symptome schon verschlimmern, und hitzebedingte neurologische Probleme können auftreten.

Um zu vermeiden, dass Sie sich schwach und ausgelaugt fühlen, schauen Sie, mit welchen Strategien Sie Ihre Körpertemperatur auf einem angenehmen Niveau halten können.
Denken Sie Ich will kühl und in Bewegung bleiben — die folgenden Tipps sollen dabei helfen.

Coole Tipps für heiße Tage

•tragen Sie am Besten helle Baumwollkleidung
•tragen Sie eine Kopfbedeckung
•meiden Sie direktes Sonnenlicht
•suchen Sie bevorzugt klimatisierte Räume auf
•sorgen Sie für ausreichende Flüssigkeitszufuhr
•praktisch ist auch ein tragbarer Mini–Ventilator (batteriebetrieben), der in die Handtasche oder den Rucksack passt
•nützlich kann ein feuchtes Handtuch sein, das — über den Nacken gelegt — den Kopf schön kühl hält
•duschen oder baden Sie lauwarm
•die Füße in einen Eimer lauwarmen Wassers stellen wirkt manchmal Wunder
•im Fachhandel gibt es Kühlwesten, die zwar teuer sind, aber Hitze gut ableiten

Coole Tipps — im Voraus planen
•versuchen Sie, Ihren Tag so zu organisieren, dass erforderliche Arbeiten in den kühleren Stunden des Tages stattfinden können
•meiden Sie heiße Gegenden
•meiden Sie lange Autofahrten

Literatur:

1.Kasckow J, Abood LG, Hoss W, Herndon RM
Mechanism Of Phospholipase A2 Induced Conduction Block In Bullfrog Sciatic Nerve I ElectroPhysiology and Morphology
Brain Res. 1986;373:384-391
2.Kasckow J, Abood LG, Hoss W, Herndon RM
Mechanism Of Phospholipase A2 Induced Conduction Block In Bullfrog Sciatic Nerve II BioChemistry
Brain Res. 1986;373:392-398
3.Ritchie JM, Rogart RB
Density Of Sodium Channels In Mammalian Myelinated Nerve Fibers And Nature Of The Axonal Membrane Under The Myelin Sheath
Proc Natl Acad Sci. 1977;74:211-215
4.Rasminsky M
The Effects Of Temperature On Conduction In DeMyelinated Single Nerve Fibers
Arch Neurol. 1972;28:287-292
5.Brenneis M, Harrer G, Selzer H
On Temperature Sensitivity In Multiple Sclerosis
Fortschr Neurol Psychiatr Grenzgeb 1979 Jun;47(6):320-325

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