Sonnenklar: Vitamin D ist kritisch für Entstehung und Verlauf der Multiplen Sklerose

27.05.10 | Die Häufigkeit der MS nimmt mit der Entfernung zum Äquator zu. Je kürzer die Sonnenscheindauer am jeweiligen Wohnort ist, desto höher ist das Risiko, an MS zu erkranken. Das ist eine lange beobachtete Tatsache, deren Grund man lange nicht kannte. Mittlerweile haben zahlreiche klinische Untersuchungen Vitamin D als maßgeblichen Faktor identifiziert, von dessen Mangel ein deutliches MS-Risiko auszugehen scheint. Vitamin D wird in der Haut gebildet, wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Setzt sich ein Mensch zu wenig der Sonne (= dem Tageslicht) aus, dann sinkt der Vitamin D-Spiegel im Körper unter das gesunde Maß. Und das kann viele Auswirkungen haben – auch auf die Entstehung und den Verlauf der MS.

Vitamin D scheint schon vor der Geburt das Risiko zu beeinflussen, im späteren Leben an MS zu erkranken: Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft nur wenig in die Sonne gingen, bekamen häufiger MS als andere Kinder.[1] Während Kindheit und Jugend hat ein Vitamin D-Mangel Folgen für die Schwere des MS-Verlaufs: So stellte sich bei über 600 untersuchten Kindern und Jugendlichen MS-Erkrankten eindeutig heraus, dass Schübe umso häufiger auftraten und schwerer verliefen, je niedriger ihre jeweiligen Vitamin D-Spiegel waren.[2][3] Dieser Effekt war auch bei erwachsenen MS-Erkrankten nachweisbar.[4] Ein Vitamin D-Mangel kann sich außerdem negativ auf kognitive Funktionen und auf die Gehirnmasse auswirken.[5] Eine Erklärung für diese weitreichenden Auswirkungen eines Vitamin D-Mangels könnte sein, dass Vitamin D unter anderem direkt an dem für MS wichtigen genetischen Ort, genannt MHC Class II Allele HLA-DRB1*1501, angreift und offenkundig Auswirkungen auf die Immunantwort bei MS hat.[6]

Aufgrund dieser überwältigenden „Beweislage“ haben MS-Forscher mehrerer Kliniken in Toronto, Kanada, eine Studie durchgeführt, in der MS-Erkrankten Vitamin D und Kalzium in verschiedenen Dosierungen gegeben wurde.[4] Sie wollten ergründen, welches therapeutische Potential Vitamin D hat. Der erste Schritt dahin ist die Verträglichkeitsprüfung, also welche Dosierung am verträglichsten ist.

49 MS-Patienten nahmen an der Studie teil, die 52 Wochen dauerte. Die Hälfte von ihnen erhielt Vitamin D in unterschiedlichen Dosierungen und zusätzlich Kalzium, die andere Hälfte erhielt nichts und diente als Vergleichskontrolle. Es zeigte sich ein Trend für eine positive Wirkung der Vitamin D- und Kalzium-Gaben: Die Patienten, die Vitamin D erhielten, schienen insgesamt weniger Schübe zu haben. Auch war zu beobachten, dass sie, verglichen mit der Kontrollgruppe, anhaltend niedrigere T-Zell-Aktivität aufwiesen – ein Anzeichen für eine abgemilderte Autoimmunität. Schwere Nebenwirkungen wurden trotz teilweise sehr hoher Dosierung des Vitamin D nicht beobachtet.

Die Forscher schließen aus diesen Ergebnissen, dass hochdosiertes Vitamin D bei MS sicher in der Anwendung sei, also keine schädlichen Nebenwirkungen zeige. Außerdem besitzt Vitamin D offensichtlich immunmodulierende Wirkung. Die Forscher geben zu bedenken, dass diese recht kleine Studie nicht so ausgelegt war, dass statistisch fundierte Erkenntnisse über die Wirkung des Vitamin D auf klinische Krankheitsparameter (Schübe und EDSS-Werte) gewonnen konnten. Ihr Ziel war, die bestverträgliche Dosierung von Vitamin D zu finden; der Eindruck einer klinischen Wirksamkeit in Form von verringerter Krankheitsaktivität sollte durch weitere, größere Studien erforscht werden.

Hinweis: Dieser Bericht ist keine Handlungsempfehlung für Sie! Wenn Sie Nahrungsergänzung wie z. B. mit Vitamin D und Kalzium für sich selbst in Erwägung ziehen, fragen Sie bitte unbedingt zuerst Ihren behandelnden Arzt.

Quellen:

[1] MS-Gateway.de, 11.12.2009: Novembergeborene erkranken seltener an Multipler Sklerose

[2] Mowry EM, Krupp LB, Milazzo M, Chabas D, Strober JB, Belman AL, McDonald JC, Oksenberg JR, Bacchetti P, Waubant E.
Vitamin D status is associated with relapse rate in pediatric-onset multiple sclerosis.
Ann Neurol. 2010 May;67(5):618-24.

[3] Dalmay F, Bhalla D, Nicoletti A, Cabrera-Gomez J, Cabre P, Ruiz F, Druet-Cabanac M, Dumas M, Preux P.
Multiple sclerosis and solar exposure before the age of 15 years: case-control study in Cuba, Martinique and Sicily.
Mult Scler. 2010 May 12. [Epub ahead of print]

[4] Burton JM, Kimball S, Vieth R, Bar-Or A, Dosch HM, Cheung R, Gagne D, D’Souza C, Ursell M, O’Connor P.
A phase I/II dose-escalation trial of vitamin D3 and calcium in multiple sclerosis.
Neurology. 2010 Apr 28. [Epub ahead of print]

Datenblatt der Studie:
NCT00644904: Safety Trial of High Dose Oral Vitamin D3 With Calcium in Multiple Sclerosis (VitD4MS)

[5] MS Resource Center:http://www.msrc.co.uk/index.cfm/fuseaction/show/pageid/2479 Low vitamin D levels are related to MS brain atrophy, cognitive function, studies show

[6] Ramagopalan SV, Maugeri NJ, Handunnetthi L, Lincoln MR, Orton S-M, et al. 2009
Expression of the Multiple Sclerosis-Associated MHC Class II Allele HLA-DRB1*1501 Is Regulated by Vitamin D.
PLoS Genet 5(2): e1000369. doi:10.1371/journal.pgen.1000369

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